Deutsche Forschungsgemeinschaft
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Cologne Center for eHumanities

Project director:
Prof. Dr. Andreas Ranft (Professor for Medieval History at the Department of History of the Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg)

Project coordination:
Dr. Christian Speer

Research assitants:
Jessica Back M.A.
Robert Koszellni
Fabian Kripahle
Friederike Stümpel
Karl Martin Geißler

Project partners:
Cologne Center for eHumanities
Prof. Dr. Patrick Sahle
Nasrin Saef B.A.
Christian Theisen B.A.

Der »Index Librorum Civitatum« – ein Instrument der historischen Grundlagenforschung

Stadtbücher sind Kodizes, die seit dem 13. Jahrhundert in städtischen Kanzleien zu Verwaltungszwecken geführt wurden. Seit dieser Zeit ist die Bezeichnung »Stadtbuch« bzw. »Liber civitatis« nachweisbar. Sofern man in einer städtischen Kanzlei nicht mehrere verschiedene Buchreihen führte, wurde mit »Stadtbuch« jener Kodex bezeichnet, in den alle rechtsrelevanten oder zur Verwaltung notwendigen Angelegenheiten verzeichnet wurden. So fanden Handlungen des Gerichts, Neubürger, Ratslisten, Privilegienabschriften, Eide, Rechnungen, Steuerlisten usw. Eingang in diese Bücher. Sie wurden dadurch zu einem zentralen Medium, welches soziale Beziehungen festschrieb und bewahrte, Verfahren sicherte, Glaubwürdigkeit herstellte, Wissen ordnete, Verwaltung sowie Herrschaft organisierte und Traditionen half zu (re)konstruieren. Stadtbücher unterscheiden sich gattungsspezifisch klar von Einzelschriftstücken oder Akten, denn ihr grundlegendes Differenzierungsmerkmal ist die Kompositions- und Anlagestruktur des einzelnen Schriftträgers, der aus Lagen mit vorab definierten Beschreibräumen gebildet wird und in seiner vorbestimmten physischen Gesamtheit besondere Ordnungs- und Organisationsvorstellungen repräsentiert.

Stadtbücher ermöglichen einen der ergiebigsten Einblicke in das Leben mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Städte. Die Überlieferung ist aber extrem breit gestreut und dadurch für die Forschung schwer zugänglich und schlecht zu überblicken. Besonders das Material aus kleineren Kommunen, die die Masse der vormodernen Städte darstellten, ist bisher kaum bekannt.

Der Notwendigkeit, der Forschung ein spezialisiertes sowie institutionen- und länderübergreifendes Recherchewerkzeug zur Verfügung zu stellen, ist bisher nicht Rechnung getragen worden. Für das Forschungsfeld Stadtbücher soll der »Index Librorum Civitatum« (ILC) helfen, diese Lücke zu schließen und Archivalien, Findmittel sowie Literatur/Editionen in einer einzigen Online-Präsentation flächendeckend nachweisen. Für die „fünf neuen“ Bundesländer kann der ILC bereits als Recherche- und Nachweisinstrument genutzt werden. Die Bundesländer Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Hamburg und Bremen werden von 2016 bis 2019 für die Datenbank erschlossen. Darüber hinaus werden in einem parallelen Forschungsprojekt auch die Stadtbücher der historischen Länder bzw. Provinzen Schlesien, Brandenburg und Pommern in die Datenbank aufgenommen.

Die Stadtbücher werden nach dem Provenienzprinzip den Städten ihrer Entstehung zugeordnet. Es wurden sowohl vorhandene als auch verschollene Bücher aufgenommen.

Leitfaden zur Erfassung der Stadtbücher (PDF)

 

Von A wie Adorf bis Z wie Zwönitz

Die systematischen Recherchen zu den Bundesländern Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sind zum großen Teil abgeschlossen. Für dieses Gebiet werden derzeit ca. 450 Städte mit etwa 68.000 Stadtbüchern für die Zeit zwischen ca. 1300 und ca. 1800 nachgewiesen. Davon wurden ca. 1.400 Kodizes vor 1550 begonnen.

Ziel des Projektes ist es, die Stadtbücher aller deutschen Bundesländer bis 2028 möglichst vollständig zu erfassen (vorbehaltlich der Mittelbewilligung):

  • 2016–2019: Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Hamburg, Bremen
  • 2019–2022: Nordrhein-Westfalen, Hessen
  • 2022–2025: Rheinland-Pfalz, Saarland und Baden-Württemberg (Teil 1)
  • 2025–2028: Baden-Württemberg (Teil 2), Bayern

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Gerichtsbarkeit, Steuern, Finanzen, Statuten...

Die Stadtbücher wurden bei der Erfassung nach inhaltlichen Kriterien einer Kategorie zugeordnet:

1. Stadtbücher mit vermischtem Inhalt, 2. Kopiare, Register, 3. Statuten, Willküren, Ordnungen, Rezesse, 4. Bücher des Rates, 5. Bürgerbücher, Erbhuldigungen, 6. Gerichtsbücher, 7. Zinsregister, 8. Steuerbücher, 9. Zollregister, 10. Rechnungsbücher, 11. Sonstige Stadtbücher.

Diese Kategorisierung dient vor allem der groben Strukturierung der Bestände, sie bedeutet keine letztgültige Aussage über den Inhalt der Bücher. Gerade Stadtbücher, die Textsorten aus mehreren Kategorien beinhalten, mussten aus pragmatischen Gründen einer Kategorie zugeordnet werden.

Wie das nebenstehende Diagramm zeigt, sind die zahlenmäßig am stärksten vertretenen Gruppen die Gerichts-, Steuer- und Rechnungsbücher. Die älteste Überlieferung einer Stadt beginnt im Idealfall mit einem »Stadtbuch mit vermischtem Inhalt« gefolgt von den »Rechnungsbüchern«. In wenigen Städten des Erfassungsgebietes beginnt die Überlieferung im 13. Jahrhundert in den meisten Kommunen im 14. und 15. Jahrhundert.

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Städte

Aufgenommen wurden Städte, die im Mittelalter oder der Frühen Neuzeit bis zum Ende des 18. Jahrhunderts Stadtrecht erhalten hatten und daher theoretisch auch Stadtbücher geführt haben. Erfasst wurden deshalb auch solche Städte, für die bisher keine Stadtbücher nachgewiesen werden konnten oder deren Bestände verloren gegangen sind. Zu allen aufgeführten Städten werden kurze Informationstexte zur Stadt- und Überlieferungsgeschichte geboten. Diese Daten sowie die Stadtbuchbestände und Archivinformationen stehen auf der Überblicksseite einer Stadt als PDF-Dokument zum Download zur Verfügung.

Außerhalb Deutschlands gelegene Städte wurden nur erfasst, wenn durch systematische Forschungen die jeweiligen Bestände möglichst vollständig erschlossen wurden. Darüber hinaus erscheinen Städte in der Ortssuche, wenn zu ihnen Stadtbucheditionen bzw. -forschungen in der Literaturdatenbank verzeichnet sind.

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Editionen, Forschungsliteratur, Findmittel

Zu jedem Stadtbuchbestand werden Editionen sowie Forschungsliteratur und zum jeweiligen Archiv Findmittel und Bestandsverzeichnisse (sofern sie gedruckt oder als Online-Verzeichnis verfügbar sind) systematisch ermittelt und in der Datenbank verzeichnet.

Publikationen zum Thema Stadtbücher außerhalb Deutschlands können nicht systematisch, sondern nur im Einzelfall erfasst werden.

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Archive

Derzeit beinhaltet die Datenbank ca. 500 Archive, Bibliotheken und andere Institutionen, die Stadtbücher verwahren. Dabei reicht das Spektrum von kleinen ehrenamtlich betreuten Stadtarchiven bis zu Landes- und Staatsarchiven. Während in Deutschland die Überlieferung der Städte zu einem Großteil in Stadtarchiven vorliegt, verwahren zum Beispiel in Polen fast ausschließlich die Staatsarchive städtische Archivalien. Zu den einzelnen Archiven und Bibliotheken findet man in der Datenbank weiterführende Informationen, die eine mögliche Kontaktaufnahme erleichtern sollen und einen Überblick über die dortigen Stadtbuchbestände geben.

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